Im Wandel der Jahrhunderte

Von der bürgerlichen Trauerkultur des 18. und 19. Jahrhunderts führt der Weg zu Gedenkseiten im Internet

Trauer hatte im 19. und 20. Jahrhundert auch eine gesellschaftliche Dimension: Grabstätten waren ein Ausdruck des sozialen Status.

Foto: Landmann

Die Geschichte der Trauerkultur ist vermutlich so alt wie die Geschichte der Menschheit. Möglicherweise haben schon die von uns ein wenig verächtlich Steinzeitmenschen genannten Kinder des Prometheus, wie der Titel eines Buches von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, unsere Vorfahren bezeichnet, Bestattungen zelebriert und die Erinnerung an die Verstorbenen bewahrt. Was wir heute noch an Resten bürgerlicher Trauerkultur bewahren, hat seinen Ursprung im 19. Jahrhundert und resultiert wiederum auf der Adaption höfischer Formen des Umgangs mit dem Tod. Es entwickelte sich eine Mischung aus christlichen Traditionen, privater Emotionalität und gesellschaftlichem Prestigedenken, wie Norbert Fischer bereits vor einigen Jahren in seinem Vortrag „Zwischen Ritual und Individualität“ ausgeführt hat.  
Klassische Orte der Trauer waren das Haus des Verstorbenen mit dem Aufbahrungszimmer, die Kirche, die Grabstätte. Als schmückende Elemente dienten Pflanzen, silberne Leuchter, schwarzer Flor. Sie bildeten ebenso die speziell bürgerliche Trauersymbolik ab wie der Blumenschmuck, dessen extensive Verwendung bei Begräbnissen ein charakteristisches Merkmal bürgerlicher Trauer wurde So erschien 867 eine Schrift unter dem Titel „Die Pflanze als Todtenschmuck und Grabeszier“. Der letzte Abschied fand traditionell mit dem Sargeinlassen an der Grabstätte statt, wo auch die Traueransprachen gehalten wurden. Eine Vorstellung davon gibt beispielsweise Thomas Manns „Buddenbrooks“.
Diese Feier des Todes war allerdings den Begüterten vorbehalten, die Masse der Bevölkerung wurde ohne große Zeremonien und sepulkrale Symbolik beerdigt. Langfristig jedoch wurde die bürgerlich geprägte Trauerkultur in ihren zeremoniellen Elementen, in ihrer Farbsymbolik, mit ihrer Blumen- und Pflanzensprache zu einem geradezu normativen Leitbild, dem selbst die Ärmsten zumindest im Ansatz genügen wollten und das bis heute in reduzierter und adaptierter Form nachwirkt. Vor allem der gefühlsbetonte Abschied am offenen Grab ist immer noch fester Bestandteil der Bestattungsrituale – umso mehr als inzwischen auch unsere Friedhöfe „multikulturell“ geworden sind. Schon der Schriftsteller Frank Wedekind notierte in seinen „Tagebüchern“ unter dem 14. August 1889 die Begegnung mit einem Trauerzug auf einem Münchner Friedhof: „Ich schließe mich rasch an und gelange mit den Leidtragenden bis zum Grab, einem Familiengrab, das nur um weniges aufgeworfen. ... Der Priester verliest einige Gebete und unterbricht sich, um eine Schaufel Erde auf den Sarg zu werfen, um den Sarg zu besprengen, um die Gruft zu beräuchern ....” Sein Schriftstellerkollege Wolfgang Koeppen berichtet in seinem autobiographischen Werk „Jugend“ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Wir waren vom Tod und Leichenschmerz und Abschied und Geißelung und dem Blick in das offene Grab, dem Seilfall des Sarges erschöpft, daß wir nicht mehr weinten.“ Wie gesagt, derartige Szenen sind bis heute alltägliche Begleiter der Bestattung. Ein ganz besonderes Element der Trauerkultur, wie sie sich im 19. Jahrhundert entfaltete, sind Todesanzeigen in der Tagespresse. Auch sind nach wie vor ein klassisches öffentliches Medium der Trauer. Der älteste Beleg einer Todesanzeige stammt bereits aus dem 18. Jahrhundert. Entstanden sind die Anzeigen, weil Geschäftsleute so Veränderungen in ihren Firmen mitteilten. Im 19. Jahrhundert wurde die Todesanzeige Ausdrucksmedium bürgerlicher privater Trauer. Im 21. Jahrhundert hat das Internet mit Trauerportalen, wie zum Beispiel die Gedenkseiten der Süddeutschen Zeitung (http://trauer.sueddeutsche.de), diese Funktion übernommen.

Trauer – eigentlich eine höchst private Angelegenheit – wird öffentlich und lädt zum Gedenken in zeitgemäßer Form ein.

Foto: SZ Gedenken

 



Quellen der Kraft

Wer sich auf seine Stärken besinnt, kann besser mit Trauer und Verlust umgehen

 

Das Stiefmütterchen gedeiht sogar in einer Betonritze. In Zeiten der Trauer können einem Menschen ähnlich ungeahnte Kräfte zuwachsen, um den Verlust zu verkraften.

Foto: www.gute-trauer.de

  Beim Tod eines nahe stehenden Menschen hilft der Blick auf eigene Stärken, Fähigkeiten und Möglichkeiten, um diese schwierige Lebensphase zu meistern. Warum für Trauernde und ihre Angehörigen eine Ressourcenorientierung so wichtig ist, erklärt das Trauerportal www.gute-trauer.de
Der Tod eines Verwandten oder Freundes fordert heraus und belastet. Hinterbliebene müssen nicht nur den Verlust verarbeiten, sondern weiter ihren Alltag bewältigen und ihr Leben neu ordnen. Um diese Krisensituation zu bewältigen und zu überwinden, hilft der Blick auf die eigenen Ressourcen, sprich die Stärken, Fähigkeiten, Möglichkeiten und das soziale Umfeld. „Für Angehörige und Freunde ergeben sich aus einer Ressourcenperspektive wertvolle Hinweise, wie sie Trauernde besser verstehen und unterstützen können“, weiß Diplom-Psychologin Hildegard Willmann vom Beirat des Trauerportals www.gute-trauer.de, das die Verbraucherinitiative Aeternitas gestartet hat.
Unter dem Begriff „Ressourcen“ verstehen Fachleute demnach das gesamte positive Potenzial eines Menschen, das er in den Veränderungsprozess nach einem Verlust einbringen kann.
 Geben und Nehmen ist Teil des Prozesses
Dazu gehört zum Beispiel die Unterstützung durch das Umfeld – die Annahme von Anteilnahme, Mitgefühl und lebenspraktischer Hilfe. Es gibt aber auch die Notwendigkeit, für andere da zu sein. Ebenso können Religion und Spiritualität Ressourcen darstellen, selbst wenn man lange Zeit davon ausgegangen ist, „damit nichts mehr am Hut“ zu haben. Schon alleine die Rituale der einzelnen Religionen sind Trost- und Kraftquellen, die in schweren Krisenzeiten unverhofft wieder sprudeln können.  Auch Achtsamkeit und Mitgefühl mit sich selbst kann Trauernde stärken. Bei der Frage nach Ressourcen ist die persönliche Situation von entscheidender Bedeutung. „Die Tragweite des Verlustes muss gesehen und anerkannt werden. Doch der Weg aus einer Lebenskrise kann nur über die Aktivierung von Ressourcen gelingen“, sagt Willmann. Es bedürfe eines Zusammenspiels von Problemperspektive und Ressourcenperspektive. Mit anderen Worten: Niemand sollte sich scheuen, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Freunde und Verwandte nicht mehr unterstützend eingreifen können.



Neue Testamentsbedingungen

Die Europäische Erbrechtsverordnung gilt ab August und bringt Änderungen für Deutsche im Ausland
Wer seinen gewöhnlichen Aufenthalt nicht in Deutschland hat, sondern in einem anderen Land, muss dringend sein Testament überprüfen. Denn für Erbfälle ab dem 17.8.2015 gilt die EU-ErbVO (Verordnung EU Nr. 650/2012). Von diesem Zeitpunkt an unterliegt die gesamte Rechtsnachfolge von Todes wegen dem Recht des Staates, in dem der Erblasser zum Zeitpunkt seines Todes seinen letzten gewöhnlichen Aufenthalt hatte. Bisher unterliegt nach deutschem Recht (Art 25 EGBGB) die Rechtsnachfolge von Todes wegen noch dem Recht des Staates, dem der Erblasser zum Zeitpunkt seines Todes angehörte und richtet sich nach der Staatsangehörigkeit. Dies ändert sich zum 17.8.2015! Die Anwendung des Rechts des Staates, in dem der Erblasser seinen gewöhnlichen Aufenthalt hatte, kann im Einzelfall zu ganz anderen Ergebnissen führen als die Anwendung deutschen Rechts. Insbesondere kann es zu erheblichen Abweichungen im Bereich des Testamentwesens, des Pflichtteilsrechts und des für die Erbquote relevanten Güterrechts kommen, die so vom Erblasser womöglich gar nicht gewollt waren. Auch die deutsche Spezialregelung des Berliner Testamentes ist betroffen. Wer also als Deutscher seinen gewöhnlichen Au-fenthalt im Ausland hat, sei es als Arbeitnehmer, Rentner oder Pflegeheimbewohner, aber weiterhin die Anwendung deutschen Rechts im Erbfall wünscht, muss in seinem Testament eine Rechtswahl treffen. Das Testament muss unbedingt aktualisiert werden.
Seidl Hohenbleicher Mirz
Kobellstraße 1, D-80336 München
Tel.: +49(0)89/1894164–0
Fax: +49(0)89/1894164–22
kontakt@kanzlei-shm.de
www.kanzlei-shm.de

 



Veranstaltungstipp:

Vorsorge für Krankheit, Unfall und Alter ist das Thema eines Informationsabends
bei AETAS Lebens- und Trauerkultur. Andrea Ducka,
Fachanwältin für Familien- und Erbrecht, informiert am heutigen
Mittwoch, 22. April, über Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht
und Betreuungsverfügung. Beginn ist um 17.30 Uhr
Alle Fragen rund um die Gestaltung eines Testaments beantworten
die Fachanwältinnen für Erbrecht, Claudia Seidl und Dr. Vanessa
Hohenbleicher, am Mittwoch, 6.Mai, von 17.30 Uhr bis 19.00 Uhr.
AETAS Lebens- und Trauerkultur, Baldurstr. 39.

Kostenbeitrag jeweils zehn Euro;
Anmeldung unter Telefon 089-15 92 76-0,
info@aetas.de, www.aetas.de

 



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