Die Verkörperung der Hospizidee

Die charismatische Engländerin Cicely Saunders ist Begründerin und Wegbereiterin von Palliative Care

Cicely Saunders hat ihr ganzes Leben lang für ein menschenwürdiges Sterben gekämpft. Sie hat die Grundlagen moderner Palliativmedizin erforscht – und als erste in einem Londoner Hospiz umgesetzt.

Foto: CHV

Cicely Saunders, deren Lebensgeschichte untrennbar mit der Hospizidee und deren praktischer Umsetzung verbunden ist, wurde am 22. Juni 1918 als ältestes von drei Kindern nördlich von London geboren. Nach Abschluss ihrer Schulausbildung studierte sie Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Oxford, doch wurden ihre akademischen Pläne durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durchkreuzt. Nach einer Pflegeausbildung am St. Thomas Hospital in London arbeitete sie als Krankenschwester in Lazaretten und machte dort ihre ersten Erfahrungen mit dem Tod. Aufgrund eines Rückenleidens musste sie ihre Arbeit als Krankenschwester beenden und ließ sich zur Sozialfürsorgerin ausbilden.

David Tasmas Geschichte
1947 kehrte sie in dieser Funktion an das St. Thomas Hospital zurück. Mit einem ihrer Patienten, einem polnisch-jüdischen Emigranten namens David Tasma, der wegen eines inoperablen Tumors im St. Thomas Hospital behandelt wurde, diskutierte sie die Idee eines Heims, in dem Menschen, fern des Krankenhausbetriebs, sterben können. Der erst vierzigjährige David Tasma, der den Holocaust im Warschauer Ghetto überlebt hatte, hinterließ Cicely Saunders 500 Pfund für ein Fenster, um welches herum dieses Heim entstehen sollte. Zwanzig Jahre später wurde das Vermächtnis Wirklichkeit. 1951begann Cicely Saunders mit ihrem Medizinstudium und folgte damit ihrer „Berufung“, die Situation sterbender Menschen grundlegend zu verbessern. Der Grundgedanke war, die Bedürfnisse todkranker Patienten und deren Familie zu erkennen und zu behandeln.

„Constant pain needs constant control“
Der Auftrag, die Schmerzkontrolle todkranker Menschen zu verbessern, war für Cicely Saunders nach Abschluss ihres Studiums der entscheidende Auslöser Sie stürzte sich in die Forschung und wollte den damals gängigen „Mythos“ von Morphium als einer medizinisch unbrauchbaren Droge widerlegen. So bekam ein Prinzip der Palliativmedizin, die Morphium-Dauereinnahme, um Schmerzen erst gar nicht aufkommen zu lassen, eine wissenschaftliche Grundlage: „constant pain needs constant control“. Neben einer dauerhaften Reduktion der körperlichen Schmerzen, erreichte Cicely Saunders damit auch eine Minimierung der mit den Schmerzen verbundenen psychischen Leiden. Doch dauerte es noch Jahre, bevor diese Methode allgemeine Anerkennung fand.
1967 gründete sie das St. Christopher’s Hospice im Londoner Stadtteil Sydenham, ein Haus, das um das „Fenster“ von David Tasma herum gebaut wurde. Es war das erste Hospiz weltweit, dem tausend andere folgen sollten. Ziel sollte es nach Meinung von Cicely Saunders sein, „die Einsamkeit des Todes in unserer Gesellschaft zu überwinden und dem Menschen im Sterben etwas von seiner Würde zurückzugeben“.

Ganzheitliche Betrachtung
Saunders Maxime war stets, dass bei der Sterbebegleitung eine gute, fundierte und menschliche Medizin Anwendung finden soll, die dem Anspruch bester medizinischer Praxis gerecht wird. Aktive Sterbehilfe lehnte sie – abgesehen von den ethischen Bedenken – als „schlechte Medizin“ grundsätzlich ab.
Der Ansatz der Palliativmedizin versteht Schmerz im Prozess des Sterbens immer als ein ganzheitliches Problem, als „total pain“. Die „gute Medizin“ beschränkt sich dabei nicht nur auf die Gabe von Morphium, sondern bezieht auch einen entsprechenden Personalaufwand für die bestmögliche medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Behandlung mit ein.
Cicely Saunders erhielt für ihre innovative Arbeit in der Hospizbewegung zahlreiche Ehrungen, 1980 wurde sie von Queen Elizabeth als „Dame Commander of the Order of the British Empire“ ausgezeichnet und damit in den persönlichen Adelsstand erhoben, zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten.
Cicely Saunders war lange nicht verheiratet und hatte keine Kinder. 1963 lernte sie den polnischen Maler Marian Bohusz-Szyszko kennen und fühlte sich von seinem Bild „Christus beruhigt die Wogen“ sehr stark angezogen. Der Maler überließ ihr daraufhin das Bild zum halben Preis, was Saunders dazu bewog, sich im Gegenzug mit einer schriftlichen Bildinterpretation zu bedanken. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich im Laufe der Jahre eine tiefe Freundschaft und Geistesverwandtschaft. 1980 heiratete das Paar. Sie war zu dieser Zeit 61, er 79 Jahre alt. 1995 starb Bohusz-Szyszko im St. Christopher’s Hospice. Cicely Saunders selbst hielt nichts von abstrakten Auseinandersetzungen mit dem eigenen Tod. Am 14. Juli 2005 verstarb die charismatische Reformerin, kurz nach ihrem 87. Geburtstag, in dem von ihr gegründeten St. Christopher’s Hospice.     Heinz Biersack
(Mit freundlicher Genehmigung des Christophorus Hospiz Vereins)

 

 
 


„Nur die eine Hälfte der Wirklichkeit“

Viele Blumen und Sträucher haben eine fast vergessene Aussagekraft – es lohnt sich, darüber nachzudenken

 

Ein kleiner Blumengruß sagt oft mehr als tausend Worte.

Foto: Landmann

Blumen und Pflanzen sind viel mehr als „Wegwerfware“ aus dem Supermarkt oder wie „Rote Rosen“ Lieferanten für gefällige Titel von Fernsehschmonzetten und Romanen. Sie sind integraler Bestandteil unseres Lebens – und sie haben darüber hinaus eine große Bedeutung. Schon Johann Wolfgang von Goethe, der Dichterfürst und Universalgelehrte, wusste: „Das Äußere einer Pflanze ist nur die eine Hälfte der Wirklichkeit.“ Auch wenn uns oft der tiefgründige Sinngehalt mancher Blumen, Sträucher und Bäume nicht mehr bewusst ist, im Angesicht der Endlichkeit des Lebens bekommt ihre Symbolik eine neue Wertigkeit.
Denn seit alters her begleiten die vielfältige Flora Menschen in fast allen Lebensphasen. Gerade in Anbetracht des Todes soll sie in ganz besonderer Weise Trauer zum Ausdruck bringen, Trost spenden und den Lebenden Hoffnung geben. Nicht zuletzt soll sie die Erinnerung an die Verstorbenen wach halten.
Welchen Symbolgehalt eine Pflanze hat, bestimmen nicht zuletzt Religion, Glauben und Kultur, Form und Wuchs der Pflanzen, Farben der Blätter und Blüten und deren Zahl sowie Früchte, Duft und Heilwirkungen. So stehen Vergissmeinnicht für einen Abschied in Liebe. Ilex, Wacholder, Birke, Hasel, Immergrün, Lavendel dienen der Abwehr des Bösen. Kornblume, Mimose, Akazie und Zeder sind Ausdruck der Beständigkeit. Die Erinnerung  symbolisieren Immergrün, Lavendel, Stiefmütterchen, Thymian.
Buchsbaum, Immergrün, Lorbeer, Narzisse, Ilex, Wacholder, Zeder stehen für ewiges Leben. Ginkgo, Immergrün, Kiefer, Kirsche, Nelke, Orchideen, Verbene, Weinrebe, Mimose sind Zeichen der Freundschaft. Der Glaube findet seinen Ausdruck durch Feige, Iris, Ysop. Heilige Bäume sind Granatapfel, Mimose, Olive, Tamariske, Wacholder, Zeder, Zypresse, Esche, Eiche. Hoffnung drücken Anemone, Fichte, Krokus, Lilie, Primel, Veilchen, Weide aus. Als Zeichen für Jesus Christus stehen Anemone, Dornenzweige, Buchsbaum, Enzian, Erdbeere, Gänseblümchen, Ginster, Hyazinthe, Kastanie, Kornblume, Maiblume, Margerite, Palme, Pfingstrose, Ilex, Veilchen, Weinrebe, Zeder. Mariensymbole sind Akelei, Aronstab, Buchsbaum, Distel, Dornen, Eberesche, Efeu, Erdbeere, Farne, Fichte, Iris, Getreide/Gräser, Johanniskraut, Kiefer, Lavendel, Lilie, Löwenzahn, Maiblume, Mandel, Nelke, Hyazinthe, Pfingstrose, Primel, Rosmarin, Thymian, Veilchen, Zypresse.
Auch Formen und Wuchs der Pflanzen haben ihre besondere Bedeutung. Kreis und Kreisform stehen für die Ewigkeit, die Jahreszeiten, Schutz des Verstorbenen, die Abwehr von Unheil, den Kreislauf des ewigen Lebens.  Das Dreieck und die Zahl drei stehen für die Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gebrochene Formen zeigen, dass hier ein Leben jäh zu Ende gegangen ist.
Neben Formen berühren uns Farben ganz besonders: Weiß ist verbunden mit Begriffen wie Unschuld, Reinheit, Unantastbarkeit, Kindlichkeit, Jugend und Hochzeit. Schwarz ist Zeichen der Trauer, der Individualität, der Unnahbarkeit, der Weltferne. Rot symbolisiert Liebe, Leben, Revolution, Zorn, Leidenschaft, Feuer. Grün steht für Ruhe, Ausgeglichenheit, Natur und Frühling, aber auch für Gift, Unerfahrenheit, Unreife. Gelb vermittelt Wärme, ist die Farbe der Öffnung, der Warnung, der Streitsucht, des Neides und des Hasses. Aber auch die Farbe vieler Mönche und der Hochzeit in Indien. Zudem ist Gelb das Symbol der Sonne. Orange ist friedliche Revolution, Optimismus, Gefühl, Anregung und Kreativität. Die blaue Farbe verbindet sich mit Treue, Ferne, Kälte, Überirdischem. Sie steht für Macht, Göttliches, Geist und symbolisiert darüber hinaus Beständigkeit und stille Freude.
So kann es ein schöner, ein ganz besonderer Weg sein, über die Symbolik der Pflanzen das Leben unserer Verstorbenen nachzuzeichnen und uns durch ihren bewussten Einsatz  an sie zu erinnern.



Leben bis zuletzt

Der Christophorus Hospiz Verein wird 30 Jahre alt

Gustava Everding ist Ehrenvorsitzende des Christophorus Hospiz Vereins München (CHV). Mit Uve Hirsch hat sie über die Entwicklung der Hospizbewegung gesprochen. Wir geben das Interview in gekürzter Form wieder. In voller Länge ist es in CHV aktuell vom Mai 2015 erschienen.

Dass Tod und würdiges Sterben heute kein Tabuthema mehr sind – konnten Sie sich das vor 30 Jahren vorstellen?
Gustava Everding: Nein, konnte ich mir nicht vorstellen. Aber dass die letzten Dinge, die Lebensbilanzen, wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen rücken, habe ich mir immer gewünscht. Als Kind habe ich zuhause in Bottrop viele Tote erlebt. Später, als Ärztin, die wegen der Erziehung meiner vier Söhne und den zahlreichen Reisen mit meinem Mann (dem Generalintendanten der Bayerischen Staatstheater, August Everding, 16 Jahre in ihrem Beruf pausiert hatte, fragte ich mich, an welcher Krankheit  darf man eigentlich noch sterben? Die moderne Apparatemedizin machte in den 70er Jahren große Sprünge, Lebenserhaltung um jeden Preis. Dabei blieb die Frage der Selbstbestimmung und der Patientenautonomie auf der Strecke. Dies waren meine Erfahrungen in der Klinikzeit.

Was hat sich verändert im gesellschaftlichen Bewusstsein?
Everding: Die Menschen sehen in den Ärzten nicht mehr so sehr die Halbgötter in Weiß. Sie denken selbst, machen Patientenverfügungen. Wir müssen den Tod wieder mehr in unser Leben holen, dann macht er nicht mehr so viel Angst. Die Hilfe der Medizin nicht missen, aber das richtige Maß finden. Es ist paradox, jemanden über den natürlichen Zeitpunkt zum Sterben hinaus am Leben zu erhalten. Oder wie der katholische Theologe und Kirchenkritiker Hans Küng schreibt: „Weshalb können wir nicht unser Leben in die Hände des Schöpfers zurückgeben?“ Ich glaube fest daran, jeder Mensch spürt eine innere Stimme, er kann sich auf die Sterbesituation einstimmen und schließlich zustimmen. Das Leben als Reise vom Ende her denken, „memento mori“, bringt Ruhe und Sinn ins Leben.

 



Veranstaltungstipp:

„Schöner Schumann“

Am Sonntag, 12. Juli, gibt es ein Benefizkonzert zu Gunsten der AETAS Kinderstiftung
Robert Schumann ist der Inbegriff der musikalischen Romantik. Neben seiner künstlerischen Neigung zur Klaviermusik galt seine große Liebe der Poesie. Zum Mittelpunkt seines Schaffens zählen deshalb vor allem seine Lieder, bei denen dem Klavier eine selbstständige, lyrisch betonte Rolle zukommt und romantische Gedichte musikalisch umgesetzt werden. Im Benefizkonzert am Sonntag, 12. Juli, bei AETAS Lebens- und Trauerkultur, Baldurstr. 39 werden von Bariton Klaus von Saucken und Pianistin Ulviya Abdullayeva die von Schumann vertonten Gedichte von Heinrich Heine und Joseph von Eichendorff aufgeführt.
Der Eintritt von 15 Euro kommt der AETAS Kinderstiftung zugute. AETAS Lebens-und Trauerkultur möchte damit den Schwächsten in der Gesellschaft helfen – traumatisierten Kindern.
Platzreservierung unter
Telefon 089/159 27 60,
info@aetas.de, www.aetas.de

 



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