„Erkläre niemandem seine eigene Religion“

Die Sterbebegleitung von Menschen mit Migrationshintergrund erfordert große Sensibilität und Kenntnis anderer Kulturen

Hospizarbeit und Palliativmedizin stehen vor neuen Aufgaben. Foto: Fotolia

Sie leben zum Teil seit ihrer Jugend in Deutschland – und viele von ihnen sterben auch hier. Die Rede ist von Menschen mit Migrationshintergrund, ehemaligen „Gastarbeitern“, die in den 1950er und 1960er Jahren hier ihr Glück gesucht haben - und nun alt und todkrank sind. „Von den schwerkranken und sterbenden Patienten, die wir 2013 in München begleitet haben, waren 23,5 Prozent Patienten mit Migrationshintergrund. 2010 lag der Anteil noch bei 5,9 Prozent”, sagt Karen Wienholt, Diplom-Sozialpädagogin und Interkulturelle Moderatorin beim Hospizdienst DaSein in München. 

Die Expertin für kultursensible Sterbebegleitung weiß aus Erfahrung, dass Sterben und Tod des Einzelnen stark davon geprägt sind, in welcher Kultur und welcher Religion er aufgewachsen ist. Und weil die Begleitung von Menschen mit Migrationshintergrund ein besonderes Augenmerk auf diese anderen religiösen, kulturellen und Sozialisationserfahrungen erfordert, hat sie die kultursensible Palliativ- und Hospizarbeit bei DaSein aufgebaut. Der Hospizdienst ist darin deutschlandweit Vorreiter – dafür wurde er unter anderem im vergangenen Jahr von der „Deutschen Hospiz- und PalliativStiftung (DHP)“ mit dem 1. Preis des DHPStiftungspreises 2013 ausgezeichnet. Für die Begleitung dieser besonderen Patientengruppe am Lebensende ist es notwendig, neben sprachlichen Barrieren oft auch ein anderes Rollen- und Familienverständnis, etwa das Verhältnis von Mann und Frau, oder ungewohnte Arten der Schmerzäußerung zu berücksichtigen. Zudem gehen andere Kulturkreise mit Krankheit und Tod jeweils unterschiedlich um. „Bei muslimischen Patienten etwa pflegen Männer die Männer, und Frauen pflegen Frauen. Außerdem sind die Angehörigen zum Besuch bei dem Sterbenden verpflichtet, weil sie dadurch seine ‘Sünden’ verringern können“, erklärt Wienholt. Darüber hinaus müssten sich Muslime aller medizinischen Mittel bedienen, um aktiv zu seiner Heilung beizutragen: „Eine rein palliative Versorgung wird dadurch erschwert“, weiß die Palliative Care-Fachkraft. 

Bei Menschen jüdischen Glaubens kümmert sich die Jüdische Gemeinde in der Regel um alle religiösen Belange des Sterbenden. Auch darauf müsse die Sterbebegleitung Rücksicht nehmen und entsprechend abgestimmt sein. Migration ist stets ein einschneidendes Lebensereignis, das mit vielfältigen Stresssituationen verbunden ist: „Sie ist immer ein biografischer Bruch.“ Diese Erfahrung oder gar eine Traumatisierung könne sich mitunter im Sterbeprozess als psychische Belastung zeigen. „Ansonsten muss ein Begleiter möglichst viel fragen, sich sowie sein Handeln erklären, Empathie und Achtsamkeit zeigen, auch wenn er Bestimmtes auf Grund des anderen kulturellen Hintergrundes nicht versteht“, sagt Wienholt. Und ein Tabu gäbe es: „Erkläre niemandem seine eigene Religion!“ 



Schweres Erbe

Beim Tod ihrer Kinder sind Eltern mit der Regelung des digitalen Nachlasses häufig überfordert

Auch das digitale Erbe will gesichtet und gewertet werden.
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In vielen Fällen ist es für trauernde Hinterbliebene eine besonders schwere Aufgabe, den Nachlass zu regeln. Dies ist schon dann nicht immer einfach, wenn es sich um ein erwartetes Erbe beim Tod der Eltern handelt. Aber es stellt nochmals eine besondere Herausforderung dar, wenn es um das eigene Kind geht, dessen Tod man betrauert und dessen Nachlass man gleichzeitig regeln muss.
 
Jugendliche und junge Erwachsene, die gerade damit begonnen haben, ihr eigenes Leben zu führen und auf den eigenen Füßen zu stehen, grenzen sich oft bewusst von den Eltern ab, pflegen neue Kontakte, teilen nicht mehr alles mit, brauchen ihre Privatsphäre und vielleicht auch Geheimnisse. Plötzlich sehen sich trauernde Eltern nun in der Situation, hier Dinge zu regeln und entscheiden zu müssen, ob sie alles wissen wollen. Wäre das der Tochter, dem Sohn recht gewesen?
 
Vielleicht ist es die erste Wohnung, die es nun gilt aufzulösen, oder auch nur das Studentenzimmer in einer anderen Stadt. Für Eltern und Hinterbliebene bedeutet es meist einen enormen Kraftakt, diese schwierige Aufgabe zu bewältigen. Die Konfrontation mit all den Dingen, die eine Bedeutung im Leben des verstorbenen Kindes hatten, bewirkt meist eine emotionale Achterbahn. Was davon möchte und kann man aufbewahren? Wer soll was bekommen? 
 
Der Erfahrungsaustausch in den Selbsthilfegruppen des Vereins Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister München e.V. (www.verwaiste-eltern-muenchen.de) kann hier Entlastung und Rückhalt geben. Für Trauernde ist es erleichternd zu erfahren, dass sie mit all diesen Schwierigkeiten und ihrem Schmerz nicht alleine stehen. 
 
Susanne Lorenz von Verwaiste Eltern weiß auch, welche Bedeutung dem sogenannten digitalen Nachlass zukommt. Was soll mit Web-Seiten, E-Mails, Online-Profilen, Twitter-Nachrichten geschehen? Es sind viele Daten, die im Netz von und über jemanden herumschwirren, und es ist nicht immer einfach, Postfächer und Profile eines verstorbenen Internetnutzers überhaupt zu finden. Und woher bekommt man die nötigen Passwörter und sonstigen Zugangsdaten? 
 
Nutzerprofile und -konten des Verstorbenen gehören den Erben. Auf sie gehen auch Verpflichtungen, etwa aus Verträgen, unmittelbar über. Deshalb kann es wichtig sein, dass diese Verträge gefunden und gegebenenfalls beendet werden. Da der Schutz der Daten eines Menschen in der Regel mit dessen Tod endet, ist es auch sinnvoll, Profile und Internetzugänge zu kontrollieren, zu löschen oder zumindest zu minimieren.
 
Hinweise und Expertenrat gibt es auf der Seite sz.de/DigitalerNachlass Denn es ist wichtig, sich nach dem Tod von Töchtern und Söhnen auch mit diesen Fragen zeitnah auseinanderzusetzen und sich gegebenenfalls Unterstützung von Fachleuten zu holen, wenn man sich überfordert fühlt.


Plädoyer für die Testamentsvollstreckung

Erblasser können Streit vermeiden, Geld sparen und ihre Erben entlasten

Die Nachlassabwicklung nach dem Tod eines Menschen ist in vielen Fällen aufwendig und kostspielig und führt, vor allem wenn mehrere Erben vorhanden sind, häufig zum Streit. Zahlreiche Probleme ließen sich mit dem Instrument der Testamentsvollstreckung leicht abwenden, doch viele Erblasser haben Vorbehalte gegen dieses Gestaltungsmittel, trotz der erheblichen Vorteile. Einer der großen Vorteile ist, dass Diskussionen und Streit der Erben untereinander damit von vornherein ausgeschlossen werden. Ein weiterer besteht darin, dass sich die oftmals weit verstreut lebenden Beteiligten nicht selbst um die Abwicklung des Nachlasses kümmern müssen. So müssen die Erben etwa nicht extra von weit her anreisen, um gemeinsam die Wohnung auszuräumen, wofür sie zudem einen gemeinsamen Termin finden müssten. 

Auch gegenüber dem Nachlassgericht ist der Testamentsvollstrecker in der Pflicht, ein Nachlassverzeichnis anzufertigen und abzugeben, nicht die Erben. Zudem muss er die Nachlassverbindlichkeiten begleichen und zu guter Letzt den Nachlass entsprechend den Anordnungen im Testament auseinandersetzen, also den Nachlass an die Erben/Vermächtnisnehmer verteilen. Auch ist er für die Abgabe der Erbschaftsteuererklärung der Erben zuständig. 

Die Testamentsvollstreckung befreit die Erben also von vielen beschwerlichen und lästigen Pflichten. Neben dieser sogenannten Abwicklungstestamentsvollstreckung ist in einigen Fällen eine Verwaltungstestamentsvollstreckung sinnvoll. Will etwa der Erblasser einem minderjährigen Kind etwas vererben, kann er über die Testamentsvollstreckung anordnen, dass das Vermögen bis zu einem bestimmten Alter des Kindes, meist bis zur Volljährigkeit, vom Testamentsvollstrecker verwaltet wird. Vermieden kann dadurch insbesondere werden, dass ein vom Gericht bestellter Betreuer das Vermögen des Kindes verwaltet. Insbesondere wenn der Erblasser Unternehmer ist, bietet es sich an, die Testamentsvollstreckung nicht mit der Volljährigkeit des Kindes zu beenden, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt, zu dem davon ausgegangen werden kann, dass das Kind die Fähigkeit und Reife besitzt, das Unternehmen selbstständig weiterzuführen. Bis dahin hat das Kind auf das Vermögen keinen Zugriff, und es wird verhindert, dass es die Erbschaft verschwendet oder unvernünftige Entscheidungen trifft.

Will der Erblasser Testamentsvollstreckung anordnen, muss dies in einer letztwilligen Verfügung erfolgen, das heißt in einem Testament oder in einem Erbvertrag. Klargestellt muss dabei werden, ob lediglich Abwicklungstestamentsvollstreckung oder Verwaltungstestamentsvollstreckung gewollt ist. Es ist allein die Entscheidung des Erblassers, wie weit die Befugnisse des Testamentsvollstreckers gehen sollen. Er kann im Testament zum Beispiel anordnen, dass der Testamentsvollstrecker nur für die Erfüllung eines bestimmten Vermächtnisses zuständig sein soll. Ein Beispiel: Der Erblasser setzt seine Ehefrau als Alleinerbin ein und bestimmt gleichzeitig ein Vermächtnis für das uneheliche Kind aus einer anderen Beziehung. Zur Vermeidung von Konflikten bestimmt er seinen langjährigen Rechtsanwalt zum Testamentsvollstrecker mit der Aufgabe, das Vermächtnis zu erfüllen. 

Wer Testamentsvollstrecker wird, liegt ebenfalls in der Hand des Erblassers. Er kann eine Vertrauensperson im Testament bestimmen, kann die Bestimmung aber auch einem Dritten oder dem Nachlassgericht überlassen. Nimmt der zum Testamentsvollstrecker Bestimmte das Amt nach dem Erbfall an – wozu er nicht verpflichtet ist! – erhält er vom Nachlassgericht auf Antrag ein Testamentsvollstreckerzeugnis, das ihn legitimiert. 

Sinnvoll ist es, eine mit den Pflichten des Testamentsvollstreckers und den erbrechtlichen Regelungen vertraute Person zu wählen, die zudem neutral sein sollte, also nicht einen der Miterben. Dass dem Testamentsvollstrecker für seine Aufgaben ein Honorar zusteht, ist selbstverständlich und durchaus gerechtfertigt. Schließlich ist vor allem bei umfangreichen Nachlässen der Aufwand des Testamentsvollstreckers sehr groß. Er nimmt den Erben also viel Arbeit ab und entlastet sie. Zudem haftet er auch gegenüber den Erben und muss bei schuldhaften Pflichtverletzungen sogar Schadensersatz leisten.

Dies sollte der Erblasser, der das Honorar in seinem Testament bestimmen kann, berücksichtigen. Wird das Honorar zu niedrig angesetzt, besteht auch die Gefahr, dass der Testamentsvollstrecker das Amt nicht annimmt. Um dies zu vermeiden, kann auch auf die Festlegung des Honorars im Testament verzichtet werden. Dann beträgt das Honorar in der Regel ein bis vier Prozent des Aktivnachlasses.  

Dieses zunächst hoch erscheinende Honorar wird durch einen guten Testamentsvollstrecker meist bei weitem wieder hereingeholt. Denn allein durch die Vermeidung von Streit zwischen den Erben werden weitaus größere Kosten und Wertverluste vermieden. Ist der Testamentsvollstrecker geschickt und fachkundig, kann er zum Beispiel auch bei der Erstellung der Erbschaftsteuererklärung unter Umständen mehr an Steuerersparnis herausholen, als er selbst kostet. Die zusätzliche Beauftragung eines Steuerberaters wird dadurch obsolet. Weitere Informationen gibt es unter: www.erbrechtsforum.de

 



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