"Keine Angst vor fremden Tränen"

Chris Paul hat ein kluges Buch über die Begegnung mit trauernden Menschen geschrieben
von Dorothea Friedrich
 
Chris Paul - Keine Angst vor fremden Tränen
Es gibt Situationen im Leben, denen möchte man am liebsten ausweichen. Die Begegnung mit Menschen, die gerade einen Angehörigen oder einen Freund verloren haben, ist eine davon. Man ist selbst in einer Art Trauerschock gefangen – und soll nun die richtigen Worte, die richtigen Gesten finden, soll Trost und Beistand spenden. Das kann doch nicht gutgehen? Also meidet man jeden Kontakt oder beschränkt ihn auf eine formelle Beileidskarte – und fühlt sich miserabel. 
 
Warum? Weil die alte Volksweisheit “Geteiltes Leid ist halbes Leid” auch im Jahr 2013 nichts von ihrer Aussagekraft verloren hat. Doch die Möglichkeiten – und auch die „richtigen Momente“, Mitgefühl verbal und nonverbal auszudrücken, haben sich gewandelt. Bis weit in die 1970er-1980er Jahre hinein war es in vielen Regionen zum Beispiel selbstverständlich, an der Totenwache teilzunehmen – auch wenn die bereits seit Jahrzehnten nicht mehr im Haus des Verstorbenen stattfand. Das gemeinsame Rosenkranzgebet für die Seelenruhe des Toten ist in katholisch geprägten Gegenden immer noch eine Selbstverständlichkeit. Und egal, welchen Glaubens man selbst ist oder der Verstorbene war: Es gab und gibt die tradierten und oft auch ritualisierten Formen der Beileidsbekundung nach wie vor. Aber wer kennt sie noch? Wie kann ich erfühlen, was die Hauptleidtragenden erwarten? Ist – um nur ein Bespiel zu nennen – eine Beileidsbekundung per SMS nicht eine Frechheit? Oder ist sie zeitgemäßer als die üblichen Floskeln auf einer beliebigen Beileidskarte? Was sagt man vor oder nach der Trauerfeier, was am Grab? So wie der Tod aus unserem auf Jugendlichkeit und Fitness getrimmten Leben verdrängt worden ist, so haben wir auch den Umgang mit ihm und mit den Hinterbliebenen verlernt. 
 
Wer kann uns also unsere Unsicherheit nehmen? Wer kann uns helfen zu entscheiden, wie ich die Kollegin begrüße, die nach dem Tod ihres Mannes wieder zur Arbeit kommt? Wie gehe ich mit dem Nachbarn um, dessen Tochter gerade gestorben ist? Wie kann ich meinen Geschwistern und Verwandten helfen, nach dem Tod ihres Partners nicht zu verzweifeln?
 
Chris Pauls gibt in ihrem Buch „Keine Angst vor fremden Tränen!“ Antworten auf diese und viele weitere ungestellte Fragen. Die Autorin schreibt aus Erfahrung. Sie ist soziale Verhaltenswissenschaftlerin B.A., Leiterin des TrauerInstituts Deutschlands, Trainerin und Fachautorin, Heilpraktikerin für Psychotherapie mit dem Schwerpunkt Trauerberatung, Vorstandsmitglied des Vereins AGUS (Angehörige um Suizid) e.V. und Gründungsmitglied des Bundesverbands Trauerbegleitung e.V.
 
Ihr Buch unterscheidet sich wohltuend von den vielen Ratgebern zu diesem sensiblen Thema. Die klare Gliederung macht es einfach, nach Möglichkeiten für die Lösung eines bestimmten Problems zu suchen. Ein wahrer Fundus an guten Empfehlungen sind schon die Unterüberschriften der einzelnen Kapitel. Ein Beispiel: „Ach, die arme Frau!“ – Mitleid hilft nicht, sondern macht klein, Mitgefühl ist eine gute Alternative, denn es kann mehr als nur bedauern.
 
Das motiviert, sich der Thematik zu nähern, sei es, weil man selbst gerade in einer Lage ist, mit der man (noch) nicht umgehen kann, sei es, weil man sich „für den Fall der Fälle“ stärken möchte. Und Stärkung gibt dieses Buch. Es verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger, es lässt Betroffene in Erfahrungsberichten zu Wort kommen und es ist lesenswert – über den Tag hinaus. 
 
Angaben zum Buch:
Chris Paul
Keine Angst vor fremden Tränen!
Trauernden Freunden und Angehörigen begegnen.
176 Seiten, 17,99 ISBN 978-3-579-07303-3